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Die Fünf-Prozent-Hürde

Nike traut sich was: Der nächste Weltrekordschuh Vaporfly next% behauptet schon im Namen, rund fünf Prozent schneller zu sein. Andererseits: Bereits der Vorgänger wurde zum erfolgreichsten Marathonschuh aller Zeiten. Das Ultra Magazin war bei der Präsentation des next % in Berlin dabei.

Könnt ihr Euch noch an den Begriff „Racing Flats“ erinnern. „Racing Flats“, das waren Laufschuhe, die in ihrer DNA und in ihrer Silhouette quasi noch direkt mit den Leichtathletik-Spikes verwandt waren. Laufschuhe, deren dünnen Sohlen (was nicht unbedingt gleichbedeutend mit wenig Sprengung sein musste) ganz konkret von der Unmittelbarkeit und auch den unmittelbaren Strapazen des schnellen und ganz schnellen Laufens erzählt haben. Schuhe so um die 200 Gramm, gerne darunter. Ein gewisser Elliot Kipchoge hat in so einem Racing Flat, dem Nike Streak LT, einmal den Berlin Marathon gewonnen, wobei er auf jenen 42.195 Metern die Einlegesohlen beinahe komplett aus dem Schuh gearbeitet hatte. Am Ende hingen diese wie Flügel aus dem Schuh. Was war das für eine Geschichte. Und doch nur eine kleine Episode gemessen an dem, was da noch kommen sollte. Elliot Kipchoge, geboren 1984 im kenianischen Kapsisiywa, sollte der Mann werden, der sich ganz konkret an der vielleicht größten Schallmauer des Laufsports abarbeiten würde. Einen Straßenmarathon in weniger als zwei Stunden, plötzlich scheint das denkbar, ja möglich sogar.

Straßenmarathon also. Soweit ist es also schon gekommen. Nun beschäftigt sich das Trail Magazin, das inzwischen eben auch das Ultra Magazin ist, schon mit 42 asphaltierten Kilometern. Nun wir beschäftigen uns mit einem Schuh und damit einer Technologie, die im vergangenen Jahr schon auch bei einigen Straßenultras vorneweg gelaufen ist. Kurz: Der Nike Zoom Vaporfly 4% war ein so guter, mindestens aber so schneller Schuh, dass auch Athleten, die bei Mitbewerbern unter Vertrag stehen, mit hilflos überpinselten Nike-Modellen an den Start gegangen sind. Rund zwei Drittel der schnellsten Läufer der Welt, die 2018 bei den Top-Marathons aufs Podest gelaufen sind, haben dabei den Vaporfly 4% von Nike getragen. In 2:01:39 Stunden war Kipchoge selbst den Berlin-Marthon im Vaporfly 4% gelaufen. Weltrekord. Was für ein Weltrekord.

Carbon Footprint

Nun muss man wissen, dass diese vier Prozent eben jenen Benefit an Geschwindkeit formulieren, den die Nike-Entwickler ihrem schnellsten Pferd im Schuhregal attesitieren. Und tatsächlich hat  etwa die New York Times dieses Wert in einer Studie nachgemessen haben will. Zum Vergleich: Der Adizero Boston kam auf 1,5, der Asics DS Trainer sogar nur auf 1,25 Prozent. „Ein Schuh wird zum Problem”, titelte deshlab bereits die Süddeutsche Zeitung. Der Vaporfly mit der Carbonsohle verhält sich wie das Carbon-Rad imTriathlon: Benachteiligt sind die, die ihn nicht haben.

Der neue schnellste Schuh aus Oregon heißt nun Vaporfly next %. Nochmal ein Prozent mehr. Was. wörtlich genommen, einen Zeitgewinn von drei Minuten pro Stunde Laufzeit ausmachen würde. Klingt nach einer marktschreierischen Supermarktverpackung. Jetzt mit fünf Prozent mehr Inhalt. Klingt nach einer Verheißung. Und um diese Verheißung zu präsentieren, war Elliot Kipchoge zusammen mit seinem Trainer Patrick Sang und Brett Holds, Produktmanager von Nike Running Footwear, Ende der Woche nach Berlin gekommen.

Wie eingangs erwähnt: Der Vaporfly ist nun erst recht kein „Racing Flat“ mehr. Er packt künftig sogar 15 Prozent mehr ZoomX-Schaum unter die Füsse. Irgendeine Büchse der Pandora muss Hoka mit seinem Maximalschuhkonzept damals also tatsächlich aufgemacht haben. Das Grundkonzept des Vorgängers bleibt dabei unangetatstet: Die Kombination aus einer steifen, im Rocker-Shape gebogenen Karbon-Platte und dem reaktiven ZoomX-Schaum sorgen für einen schnelleren Lauf – und ein ein ziemlich anderes Laufgefühl. Wobei sich das Update des Vaporflys wenn schon nicht konventioneller, so doch stabiler läuft. Auf der Bahn, eigentlich nicht das Habitat dieses unbedingten Geradeausläufers, zeigen sich die Unterschiede deutlich. Reagierte der Vaporfly 4% noch auf jeden Bodenkontakt mit der Ferse mit einem marshmellow-artigen Einknicken, bleibt der next% in Maßen sogar über die Ferse laufbar. Und: Er hat dort jetzt sogar eine Außensohle. Zumindest so etwas in der Art, zwei kleine Elemente sollen für zusätzlichen Halt sorgen. Der Grip, gerade bei Nässe, war die größte und tatsächlich große Kritik am Vaporfly 4%.

Dass der Schuh trotz mehr verbautem Sohlenmaterial sogar leichter geworden ist (195 Gramm in der Normgröße 42,5), liegt am komplett überarbeiteten Upper. Nike verabschiedet sich von einer seiner Schlüsseltechnologien: dem gestrickten Flyknit. Dessen anschmiegsame und doch dehnbare Konstruktion hat viele Fans, ich mag das sehr technische Layout des next % lieber. Ein ultradünner, folienartiger Stoff, der dem Vernehmen noch vom Hochleistungssegeln kommt, sitzt dennoch gut, was vor allem an der diagonal über den Fußrücken laufenden Schnürung liegt. Versprochen wird etwa eine massiv beschleunigte Trocknung, sowohl von innen (Schweiß) als auch außen (Wasser). Die Haifischflosse am Schuhende: wohl eher Markenzeichen, als konstruktives Element. Auf schnelle Richtungswechsel, wechselnden Untergrund und einen mit den Kilometern unsauberer werdenden Laufstil scheint der Vaporfly next% besser vorbereitet als sein Vorgänger. Er bietet gar ein gewisses Maß an Stabilität. Klar bleibt aber: Fersenläufer*innen, Finger weg.

Abstimmen mit den Füssen. So sagt man so schön. Dass am Vapofly spätestens im Hochleistungslangstreckenlauf kein Weg mehr vorbei führt, ist längst bewiesen, wenn der Vaporfly next % ab kommendem Juli für empfindliche 275 Euro bei (vermutlich) wenigen ausgesuchten Händlern steht. Spannend sind nun zwei Dinge: Was macht die Konkurrenz? Hoka etwa steht gerade mit einer Carbon-Offensive in den Startlöchern. Und vor allem: Wird Nike die DNA des Vaporfly auf schnelle Schuhe für den Alltag und für Alle skalieren können. Noch werden einfach nur alle der schnellern Nike-Schuh ins selbe grelle Grün des Vaporfly next% gepackt.

Ach ja, für uns Trail- und Landschaftsläufer sei ganz unbedingt noch angefügt, alles Unebene, Lose oder Wiurzelige mag der Varporfly nicht.

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