Frank & BOB

Der Göttinger Frank Kleinsorg hat es als erster deutscher Athlet geschafft, die legendäre Bob Graham Round im britischen Lake District in weniger als 24 Stunden zu bewältigen. Eine Geschichte von Früher, vom Fell Running und vor allem von der Freundschaft

 

Wenn einem da plötzlich einer entgegenkommt, den grauen Flaum auf den Schultern nur spärlich von einem senfgelben Singlet mit dunkelgrünen Streifen bedeckt und die Split-shorts so kurz, wie sie es eben in den späten Achtzigern waren. Wenn dann der Regen mal wieder ganz regionaltypisch herniederprasselt, doch der Typ in dem Singlet holt garantiert keine Membranjacke raus. Woher auch, er hat ja allenfalls so einen lila-türkisgrünen Hüftgürtel dabei, wie sie eben nur in den mittleren Neunzigern so türkisgrün waren. Wenn das satte Schmatzen einer feuchten, nein, nassen Wiese plötzlich, ganz plötzlich in einem ausgesetzten, verblockten Felsenmeer mündet. Wenn der Wind mal wieder hart von der irischen See herüberweht und unten im Tal die Leute derweil in Zweierreihen vor einem der diversen Fish‘n‘Chips-Läden warten … dann hat man den Lake District in der britischen Grafschaft Cumbria schon einmal ziemlich gut verstanden.

Die Wiege des Trailrunning?
Trailrunning ist ein sehr, sehr junger Sport. Der Transalpine Run? In diesem Jahr gerade erst zum 13. Mal ausgetragen. Der „legendäre“ UTMB: 2003 sind ein paar Männer und Frauen zum ersten Mal um den höchsten Berg der Alpen gelaufen. Fell Running ist sehr, sehr alt. Hier im Lake Distrikt wurden bereits 1864 die ersten Streckenrekorde notiert. Um 1900 etablierte sich dann ein stattlicher 70 Meilen langer Rundkurs um das beschauliche Örtchen Keswick als querfeldeinläuferisches Maß aller Dinge. Die Strecke hatte bereits die ungefähre Distanz der späteren Bob-Graham-Runde. Noch fehlten ihr aber einige Höhenmeter, und auch Hills, also Hügel, wurden noch nicht ganz so viele abgeklatscht.

Ein gewisser Dr. A. W. Wakefield eben aus Keswick, seit 1905 Rekordhalter auf dieser Runde, änderte dann die Regeln: Ziel war es fortan, so viele Hügel (höher als 2.000 ft, also rund 610 m) wie möglich in weniger als 24 Stunden mitzunehmen. Bob Graham, ein Pensionswirt aus der Gegend, schaffte von eben diesen Hügeln schließlich … 42. Von 12. bis zum 13. Juni 1932 war er für die nun 66 Meilen insgesamt 23:39 Stunden unterwegs. Die Bob Graham Round war geboren, so etwas wie der Urmeter aller in den vergangenen Jahren so populär gewordenen Fastest-Known-Time-Projekte. Ein Rennen, nicht gegen andere Athleten ,sondern gegen die Uhr, hier in Keswick sind es Jahr für Jahr rund zwei Dutzend Läufer, die sich – am besten im lange hellen Juni – auf diese Reise machen.
Billy Blant, ein Schafzüchter aus dem nahen Borrowdale, war es dann, der 1982 einen Rekord für – mutmaßen wir jetzt einfach mal – die Ewigkeit aufstellen sollte. Hundertundirgendwas Kilometer und rund 8.000 Hm, 42 Hügel und ein Laufterrain, wie es eben nur die britischen Inseln kennen, in 13:53 Stunden. 13:53 Stunden! Selbst einem Kilian Jornet, der die Bob Graham Round eigentlich noch Anfang dieses Jahres als eines seiner Projekte für 2017 angekündigt hatte, dürften für so eine Zeit wenigstens die Ortskenntnisse oder eben adäquat flinke Pacer fehlen. Apropos: Mit der derzeit besten britischen Fell Runnerin Jasmin Paris hat die schnellste Frau im vergangenen Jahr 15:24 Stunden gebraucht, eine mindestens ebenso beeindruckende Leistung.

Bob Graham hatte also seinen Meister gefunden. Wer aber den Geist dieser Runde und seiner Athleten einmal erleben und kennenlernen durfte, der weiß, dass nichts falscher wäre als das. Gefunden hat Bob Graham, dieser Pionier seines Sports, nur noch einen neuen Freund. Womit wir bei dem eigentlichen Protagonisten dieser Geschichte angekommen wären: Frank Kleinsorg aus Göttingen ist wegen Bob Graham gleich mehrfach in den Lake District gereist. Gefunden hat er, wovon noch zu reden sein wird, eine Hand voll neuer guter Freunde. Welche von der Sorte, die einem auch noch 80 oder 90 km die Schuhe wechseln. Und sogar die Socken.
Frank Kleinsorg also. Der erste deutsche Athlet, der sich nun Mitglied im Bob Graham 24 Hours Club nennen darf. Es war ein weiter Weg dorthin. Mit dem VW-Bus, noch einmal mit dem Flieger und dann noch einmal. Ein Weg mit guten Freunden, allen voran Matthias Schwarze aus dem Harz, und später mit ganz neuen Freunden. Eine Reise, die wie wenige andere überhaupt davon erzählt, wie wichtig Freundschaften in und für diesen Sport sind. Aber wer weiß das besser als Frank Kleinsorg. Jeden Januar organisiert der 47-jährige Göttinger die Brocken-Challenge von ebendort nach ebendort. Und weil er um den Gemeinschaftssinn dieses Sports weiß, bietet er auch praktischerweise immer ein Massenschlaflager auf dem Bauernhof an, in dem er seine Wohnung hat.

 

Im Oktober hat Frank wieder ein Date im Lake Distrikt – das Dinner für die neuen Mitglieder des Bob Graham 24 Hours Club.

Dreimal waren Frank Kleinsorg und Matthias Schwarze drüben auf der Insel. Zweimal hatten sie Anlauf zur Bob Graham Round genommen. Zum ersten Mal im Juni 2016 noch gemeinsam mit Matthias mehrmaligem TAR-Partner Dominik Singer und mit Michael Strohmann, einem Ultraläufer aus der Wolfsburger Ecke. Vier Norddeutsche, die auf alles verzichten wollten, was die Unternehmung Bob Graham Round normalerweise erfolgreich macht: kaum Streckenkenntnisse, kein lokalen Pacer und kein Supportteam, das jeweils an den vier Punkten wartet, an denen man mit dem Auto an die Strecke kommt. Kuriose Umwege sind dafür teilweise zu fahren. Die Berge von Cumbria sind, obwohl bis zur Spitze keine 1.000 m hoch, eine wilde, zerklüftete Landschaft.

Um es kurz zu machen: Es klappte nicht, und auch einen zweiten Versuch im Mai diesen Jahres mussten sie nach 80 km abbrechen. Kurioserweise war damals die Hitze schuld – Hitze im britischen Lake District. Ob es da hilfreich gewesen wäre, wenn die beiden schon gewusst hätten, dass es auf dem vierten Leg, ungefähr beim Harrison Stickle (dem 22. der 42 Hills) noch eine Quelle gibt. Egal, es half auch nichts, sich kopfüber in britische Gebirgsbäche zu stürzen. Und außerdem, so Matthias Schwarze: „Wenn du nur eine Minute an jedem Hügel innehältst und dich ganz kurz freust, ist das die Dreiviertelstunde, die dir hinten fehlt.“

Freunde fürs Leben
Aber da war noch was an diesem Maiwochenende. Da war Tom Hollins, einer der lokalen Athleten, der am selben Wochenende eine Doppelbegehung geplant hatte, linksherum und rechtsherum in 48 Stunden. Frank und Matthias schleppten die müden Knochen an die Strecke, feuerten an, feierten mit. Und plötzlich hatten sie sie, ihre lokalen Pacer. Nein, besser: Leute vor Ort, die den Enthusiasmus dieser beiden Deutschen zu ihrem eigenen machen sollten. Allen voran eben jener Tom Hollins und Paul Calderbank, der Organisator des Bob Graham 24 Hours Club.

Paul Calderbank ist es auch, der den Nimbus, der die Magie dieses Rennens in diesen schönen Satz packt: „Das schönste, vermutlich entscheidendste Erlebnis während einer Bob-Graham-Runde ist diese Kameradschaft zwischen den Läufern, dieses Gefühl, Hilfe anbieten und annehmen zu können und das Wissen um die Freundschaft, die daraus entsteht.“ Und er ist auch derjenige, der Frank die Schuhe und die Socken wechseln wird, der weiß, wie wichtig diese kurzen Pausen zwischen den einzelnen Streckenabschnitten sind. Wenn die Pacer wechseln und sich alles ganz kurz neu sortiert.

Dass zum anvisierten Termin Anfang Juni nur Frank und nicht Matthias im Flieger nach Manchester saß, hatte mit dem großen Glück zu tun, Vater zu werden. Dafür war mit dem jungen Ole Evers aus Göttingen plötzlich einer dabei, der ein gutes halbes Jahr zuvor noch nicht einmal ein Trailrunner war. Frank hatte ihn einfach angesprochen, als er am Haus vorbeigekommen war, um für den Hannover Marathon zu trainieren. Kurz zum Mitschreiben: So muss man das machen. Aber warum hat Frank denn das nun alles gemacht? „Man kann die Bob Graham Round nicht ausspielen gegen einen TAR oder einen UTMB, man kann es nicht einmal vergleichen. Da stehen nicht tausend Zuschauer am Rand, da gibt es nicht Hunderte von Athleten. Es ist eine ganz andere, konzentriertere Sache.“ Wie anders und wie besonders, das hat er freilich auch so nicht geahnt.

Eine Einladung zum Essen
106 km war Frank Kleinsorg schlussendlich unterwegs, andere haben es schon in knapp 100 km geschafft: Genauso können die Höhenmeter zwischen 7.700 und 8.300 changieren. Es kommt halt immer drauf an, welche Wege man wählt – und welche Wege man findet. „Auf dem dritten Leg sind meine lokalen Pacer plötzlich komplett in die falsche Richtung abgebogen. Ich dachte mir so: Mensch, wissen die noch was sie tun. Aber da war zwischen den Felsen plötzlich ein eineinhalb Meter breiter Grasstreifen, ein steiler, aber eben laufbarer Downhill. Wir waren zuvor immer zeitraubend über die Felsen hinabgeklettert.“

Gut, den Erfolg hätte das wohl nicht mehr gefährdet. Ziemlich exakt 20 Stunden, dieses Tempo hatten sich zuvor nicht mal die Pacer zugetraut und das Rennen eigentlich auf eine Zielzeit von 22 Stunden kalkuliert.

Im kommenden Jahr wird sich Matthias Schwarze in den Flieger setzen, Frank Kleinsorg wird ihn pacen. Und auch Tom Hollins, Paul Calderbank und all die anderen. Jetzt im Oktober aber schaut Frank erst noch einmal in Keswick vorbei. Alle zwei Jahre gibt es dort ein Dinner für die und mit den neuen Mitgliedern des Bob Graham 24 Hours Club.

 

 

Wenn man an jedem der 42 hügel auch nur eine Minute innehält, hat man vielleicht schon die entscheidende dreiviertelstunde verloren.

 

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