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Andrea Huser

Andrea Huser gehört seit einigen Jahren zu den weltbesten Ultratrailläuferinnen und gewann die Geamtwertung der ULTRA TRAIL WORLD TOUR. Nach einer Verletzung kämpft sich die Eidgenossin zurück auf die Trails. TRAIL-Praktikant Quirin Karl hat mit Andrea gesprochen.

 

Hallo Andrea, wie geht es dir mit deiner Verletzung? Kannst du schon wieder etwas trainieren?

Danke, es geht den Umständen entsprechend gut! Da ich im Moment wegen des Armbruchs nicht mal mehr Fahrrad fahren kann, trainiere ich nicht. Ich habe es letzte Woche mit Berg hochwandern versucht und spüre meine Stressfraktur noch etwas, darum mache ich gerade komplett Pause.

Was machst du denn, wenn du nicht laufen kannst? Wie schaffst du Ausgleich für Körper und Geist ohne Sport?

Wegen des Armbruchs bin ich eigentlich ziemlich beschäftigt, ich brauche für alltägliche Sachen gerade doppelt lange. Da ich viel Zeit habe, genieße ich es, einmal gemächlicher durchs Leben zu gehen. Ich mache etwas Kraftübungen und habe nun von der Ergotherapie Übungen für das Handgelenk am gebrochenen Arm bekommen, die mich dreimal am Tag beschäftigen. Gegen den Bewegungsdrang sitze ich ab und zu auf dem Spinningvelo im Fitnesscenter. Irgendetwas kann ich immer machen. Ich nutze die Zeit ebenfalls für Besuche von Verwandten und Freunden und werde die nächste Zeit etwas umherreisen.

Vor einem Jahr meintest du im Interview mit dem Trail-Magazin, vorne mitlaufen werde vielleicht nicht mehr lange für dich möglich sein, und in einem Jahr würdest du schauen, wie es weitergeht. Nun ist ein Jahr vergangen. Wie geht es denn weiter? Und wie ambitioniert wirst du in den nächsten Jahren rangehen?

Ich versuche es nochmals. Nach dieser langen Pause wird meine Fitness nicht von einem Tag auf den anderen top sein. Es ist aber so, dass mich gerade diese Herausforderung jetzt reizt, wie weit ich noch gehen kann. Ich träume davon, im nächsten Jahr nochmals ein paar Highlights erleben zu können.

 

 

Siehst du schon die bereits damals angesprochene Professionalisierung des Ultralaufs? Wie nimmst du die Entwicklung unseres Sports und vor allem auch die der Ultra-Szene wahr?

Ja, ich habe den Eindruck, dass es immer mehr Ultratrail-Läufer gibt, die davon leben können. Das Thema Preisgelder ist auch immer präsenter, gibt es doch neuerdings bei UTMB® ein Preisgeld. Trotzdem nehme ich die Szene als „gesund“ war. Der kollegiale, wertschätzende Umgang untereinander ist noch da. Die Anzahl und das Niveau der Spitzenläufer ist größer geworden, daher sind sicher auch die Trainingspläne der einzelnen professioneller. Es hat sich aber nichts an der Mentalität der freiheitsliebenden, reisefreudigen Trail-Läufer geändert. Genau darum liebe ich die Szene – irgendwie alle gleich verrückt.

Ein weiteres, recht neues Phänomen heißt Fastest Known Time, kurz: FKT. Was hältst du von diesem Konzept? Planst auch du Speed-Begehungen und persönliche Projekte?

Die Idee finde ich wunderbar! Eine Strecke so schnell wie möglich zu laufen hat etwas Ursprüngliches. Eine bestimmte Route in einer schnellen Zeit zu laufen und diese auch öffentlich zu machen hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Die Leute können sich daran messen, die Leistung wird für die meisten vorstellbar. Ich würde sehr gerne mal so ein Projekt realisieren. Ideen hätte ich genug, es hapert noch an der Planung.

Zur Ausrüstung: Was hat sich in Sachen Equipment bei dir bewährt? Und was ist dir an einem Schuh, den du für Ultras benutzt, eigentlich am wichtigsten?

Die leichten Running-Westen, die meistens mehr Platz haben für Kleidung etc., als man denkt. Winddichte Handschuhe, da ich immer schnell kalte Hände habe und nichts mehr greifen kann. Seit ich HOKA one one laufe, ist mir Dämpfung mit gutem Bodenkontakt am wichtigsten, ebenso viel Platz für die Zehen. Wie ich bei den Ultras feststelle, trägt schon fast jeder gut gedämpfte Schuhe, der Komfort gegen Ende des Rennens ist einfach besser.

Beim UTMB® letztes Jahr dachtest du anfangs: Heute ist überhaupt nicht mein Tag! Wie schaffst du es, solche Krisen in einen starken zweiten Platz beim wohl renommiertesten Trail-Rennen zu verwandeln?

Indem ich versuche, diese Gedanken zu vergessen, denn das Rennen dauert noch lange. Nachdem ich im Laufe der Nacht in der Kälte immer mehr andere Läufer einholte, wurde meine Stimmung natürlich immer besser und ich wusste, es kann nur besser kommen.

 

 

Was machen diese langen Distanzen für dich eigentlich persönlich aus? Was magst du ganz besonders daran?

Es ist so „unnormal“, solche Distanzen zu bewältigen und das Ziel zu erreichen. Wahrscheinlich reizt mich das einfach. Da ich die Fähigkeit dazu habe, möchte ich das einfach genießen. Viele intensive Emotionen zu erleben, den Körper an die Grenzen bringen, die Entspannung danach, mich in der Natur fortzubewegen, mit Gleichgesinnten zu leiden, zu genießen usw.

Bei welchen Events wird man dich denn definitiv noch sehen in nächster Zeit? Welche Rennen waren die schönsten, die du unbedingt nochmal laufen willst?

Falls es meine Knochen zulassen, möchte ich Ende August den OCC laufen, sozusagen als ersten Belastungstest. Ferner die Swiss Trail Tour Ende September, den UTAT in Marokko und La Diagonale des Fous auf La Réunion, meine zwei Lieblingsrennen im Oktober. Im November werde dann noch UTMB Oman laufen, ein neuer Ultratrail in einer spannenden Gegend.

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