Jim Walmsley gewinnt den Western States 100

Jim Walmsley gewinnt den Western States 100 in neuem Streckenrekord und scheint das Ultralaufen auf Trails in eine neue Dimension zu befördern. Wir fragen unseren Trainingsexperten und ehemaligen ZUT-Sieger Michael Arend wie Jim Walmsley das überhaupt hinbekommen hat.


 

Micha, du bist vermutlich neulich auch für einen fast ganzen Tag vor irunfar.com gesessen und hast beobachtet, ob dieser Jim Walmsley „durchkommt“?

Ehrlich gesagt, nicht so konzentriert wie die Jahre zuvor, weil ich mit dem Nationalteam bei den Berglauf Langdistanz Weltmeisterschaften war. Aber wann immer möglich wurde Twitter refreshed.
Der Typ hat schon eine besondere Anziehungskraft.

Hast du damit gerechnet, dass er den ohnehin starken Streckenrekord von Timothy Olson schlagen kann?

Dass er den Streckenrekord grundsätzlich schlagen kann, hat er ja schon 2016 bewiesen, als er sich am Highway 49 verlaufen hat. Damals hatte er ja noch einen größeren Vorsprung vor dem CR, als es dieses Jahr der Fall war, es war aber auch kein so ein extremes Hitzejahr.
Der Spruch: „Der einzige der Jim Walmsley schlagen kann ist Jim Walmsley“, trifft es ziemlich gut, denn genau von dem wurde er die letzten beiden Jahre geschlagen. Ich hätte eher Timothy Olson eine so starke Leistung nicht zugetraut, als Walmsley.

 

 

Wie erklärst du uns als Fachmann, dass Jim Walmsley (14:30) eine ganze Stunde schneller ist als ein Scott Jurek zu seinen besten Zeiten (15:36 in 2004)

Jurek ist eine völlig andere Generation von Ultraläufern. Sieben Mal hintereinander den WS100 zu gewinnen spricht für ihn, aber nicht gerade für die Dichte der Konkurrenz zu seiner Zeit. Um so viel schneller zu sein, als der Altmeister, braucht es mehr als reines Talent und Konkurrenz.
Zunächst mal hatte Scott Jurek nie die reine Ausdauerfähigkeit, wie es Jim Walmsley hat. Er stolperte als Allroundsportler in das Ultralaufen, ohne vorher Leistungssport betrieben zu haben. Seine Marathonbestzeit von 2:38h spricht da für sich. Walmsley dagegen ist in seiner College-Zeit die 10k in 29:08min gelaufen und plante gerade zu seinen Übergang in die Ultrawelt. Das spiegelt sich auch im Training wieder. Während Jurek zwar für seine großen Umfänge bekannt war, lief er meist langsam. Sein Ziel war es eine möglichst hohe Ermüdungsresistenz aufzubauen. Walmsleys Training ist deutlich modernen und vielseitiger. Auch in Wochen mit weit über 200km läuft er mindestens einmal Intervalle auf der Bahn und zieht sein Krafttraining diszipliniert durch.
Obwohl beide in der Höhe von Boulder bzw. Flagstaff leben, unterscheidet sich aber das Umfeld komplett. Neben den klimatisch ähnlicheren Bedingungen in Arizona hat Walmsley, im Vergleich zum einsamen Wolf Jurek, eine Gruppe von Spitzensportler um sich geschart und wird von einem Physio und Trainer unterstützt. Auch wenn der Typ manchmal planlos wirkt, ist sein Training und sein Alltag alles andere als das.
Aber auch im Rennen selbst hat Jim Walmsley die Methoden Jureks kontinuierlich weiterentwickelt. Die Kühlung mit Eis und Wasser, die Jurek als Erster angewandt hat, trainiert Walmsley genauso im Training, wie seine durch ClifBar abgestimmte Ernährung. Dadurch, dass er so gut wie nichts dem Zufall überlässt, kann er deutlich enger an seine Leistungsgrenze heranlaufen, aber eben auch manchmal darüber hinaus. Das war nie Jureks vorrangiges Ziel, im Ging es um die Siege, nicht darum aberwitzige Rekorde aufzustellen, auch wenn die 7 Siege in Folge einer geworden ist.
Nicht zuletzt liegen aber auch zwischen den Schuhen der beiden ca. 120g und das Trotz deutlich verbesserter Dämpfung. Bei 100Meilen ist das ein riesiger Unterschied. Es ist also nicht diese eine Sache, sondern eine völlig andere Auseinandersetzung mit dem Sport, die ohne Jureks und auch Twietmeyers Pionierarbeit nicht möglich wäre.

Was hat Walmsley an seinem System perfektioniert was Athleten früher vermutlich noch nicht beachteten? Hat er einfach mit Training wie es bislang bestand gebrochen?
Er wäre ein echter Revoluzer im Ultralauf, oder?

Ja, das kann man tatsächlich in Teilen so sagen. Gerade die Vorbilder der amerikanischen Szene, wie Dean Karnazes oder Anton Krupicka waren hauptsächlich durch ihr sehr umfangorientiertes Training bekannt. Lange auf den Beinen oder in den Bergen zu sein stand bei ihnen an erster Stelle und repräsentierte ihr Lebensgefühl. In Europa kann man das so pauschal nicht sagen, erfolgreiche Läufer wie Kilian Jornet haben die intensiven Anteile aus dem Skibergsteigen oder Biathlon (Louis Alberto) übernommen.
Er ist dabei aber weder der Einzige noch der Erste, der so trainiert. Läufer wie Tim Tollefson, Hayden Hawks, Zach Miller oder Max King gehören zur gleichen Generation und trainieren ähnlich. An die Umfänge von Jim Walmsley kommt dabei jedoch keiner ran. Es ist also die Kombination als den Umfängen der Vergangenheit mit der Trainingsmethodik der Gegenwart, die in so erfolgreich macht.

Nun man ehrlich – 14:30.04 geht das überhaupt?

Ich traue Jim Walmsley auch eine 13:59:59h zu, wenn alle Bedingungen passen, d.h., es vor allem kühler ist und es ein eher schneearmes Jahr ist. 30 Minuten sind natürlich enorm viel, aber die Zeit mit all ihrer Erfahrung ist auf seiner Seite. Dass er das Zeug dafür hat, hat er in den letzten Jahren gezeigt. Das er die nötige Reife erlangt hat, dafür spricht nach diesem Jahr immer mehr.

Walmsley ist ähnlich wie Francois D´haene über 190 cm gross und wiegt ca. 76 Kilogramm. Beide gelten aktuell als beste Ultratrailläufer der Welt – sind ihre Körperdaten die perfekten?

Darüber wird ja immer gerne und viel spekuliert, was nun die besten Körpermaße sind. Nehmen wir Kilian, Luis Alberto und Xavier Thevenard, dann haben wir drei weitere Körperbauten, die offensichtlich auch einen erfolgreichen Sport ermöglichen. Ein geringes Gewicht ist sicherlich sehr wichtig, die Größe und die Dicke der Oberschenkel anscheinend eher weniger. Wer Körpergröße als seinen limitierenden Faktor sieht, der sollte mindestens so schnell laufen wie Zach Miller und sich auch so quälen können.

Gewinnt Jim den UTMB, wenn er alles umsetzen kann und keine Probleme auftreten?

Die Antwort ist Ja. Es gibt aber sicherlich 10 andere Läufer, die den UTMB gewinnen, wenn sie alles umsetzen können und keine Probleme auftreten, aber das passiert halt nicht. Mit seinem Vorsprung, was die reine Ausdauerleistungsfähigkeit angeht, kann sich Jim Walmsley jedoch sicher ein paar mehr Fehler leisten als andere. Ich bin mir sicher, dass er irgendwann den UTMB gewinnen wird, ob er dieses Jahr schon die nötige Erfahrung hat, wird sich zeigen. Sein vernünftiges Pacing beim WS100 macht ihn vermutlich immerhin, im Vergleich zu dem diesjährigen WS100, wieder zum Favoriten bei irunfar.com.

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